Woran soll ein junger Mann erkennen, dass er erwachsen ist? Am ersten Samenerguss, am Abitur, am ersten Sex oder doch erst am Hochzeitstag? Die moderne Gesellschaft hält Initiationsriten für überflüssig. Doch in Wirklichkeit brauchen wir sie wie das Amen in der Kirche.

Ach wie war es ehedem mit den Riten so bequem. Da kam man gerade aus der Pubertät, und schwupps gab es eine Zeremonie, bei der einem gezeigt wurde, wo der Barthel den Most holt. Will sagen: Sobald die Buben halbwegs geschlechtsreif waren, wurde ihnen gezeigt, was man mit eben diesem Geschlecht anstellen sollte.
Im Mittelalter heirateten Jungs zum Beispiel meist schon mit 15. Ein Alter, in dem bei uns vielen die Anschauung der Weiblichkeit auf Hefte beschränkt bleibt. Von Aborigines wird berichtet, sie feierten ein Ritual, bei dem der Junge seiner Mutter entrissen wird, um ihm dann die Vorhaut abzuschneiden. Damit wusste der Initiierte, dass sein Penis für den Geschlechtsakt reif ist. Klingt brutal. Auf der anderen Seite: Wer sagt einem Jugendlichen im 21. Jahrhundert in Deutschland, wann es für ihn soweit ist? Soll er seinen ersten feuchten Traum deuten? Bedeutet das Öffnen der ersten Bluse, dass das Mädchen mit ihm ins Bett will und "ihn zum Mann macht"?
Die Zeichen sind vielfältig und eine einheitliche Deutung praktisch unmöglich. Das liegt auch daran, dass unsere Kultur weitgehend auf Riten und Zeichen verzichtet. Man hält sie für überholt, dabei ist das Übertreten der Schwelle zum Erwachsensein eine der größten Herausforderungen überhaupt. Denn gerade der erste Sex ist mit ungeheuren Ängsten und Unsicherheiten verbunden. Wie leicht, denkt man, wäre das Leben, wenn man ihn hinter sich hätte.
Früher war das unkompliziert. Da wartete man einfach auf den Hochzeitsritus. Den anderen ging es ja auch nicht besser. Und wenn es soweit war, trug man seine Frau über die Schwelle und wenig später war man psychologisch ein Mann. Doch spätestens seit der sexuellen Revolution in den Sechzigern hat die Eheschließung ihren Charakter als Initiationsritus verloren. Die meisten heiraten eh erst Ende zwanzig. Und bis dahin läuft man Gefahr, sexuell zu verhungern. Wäre es vor dem Hintergrund nicht sinnvoll, wenn junge Menschen rechtzeitig an die Hand genommen würden? Wenn ihnen erfahrene Frauen die Angst nähmen? Die Romane sind voll von Knaben, die aufs köstlichste von Dienstmädchen verführt werden. Nur leider kann sich heute keiner mehr Dienstmädchen leisten. Vielleicht ließe sich ein Ritual entwickeln, bei dem Jugendliche professionell geweiht werden? Ein festlicher Akt zum Beispiel, bei dem man sich von seinen Eltern lossagt und die ersten körperlichen Wonnen in einem behüteten Bordell erlebt? Ende Mai könnten die Freudenhäuser spezielle Initiationswoche anbieten. Frisch gebackene Abiturienten würden dort ihre wirkliche Reifeprüfung ablegen. Sozusagen zum Einführungstarif. Dazu bekäme man ein kleines Amulett oder eine Urkunde zur Erinnerung an den vielleicht schönsten Tag im Leben.
Zugegeben, hier ist noch Diskussionsbedarf. Den Bundestag hat es im letzten Jahr schon einige Überwindung gekostet, Prostituierte arbeitsrechtlich mit Dienstleistern gleichzustellen. Obendrein würden besorgte Mütter kaum wollen, dass ihre zarten Söhne in die "Fänge" von Prostituierten geraten. Aber vielleicht hat das auch sein Gutes. Schließlich geht es bei der Initiation zum Erwachsensein traditionell auch immer um die Ablösung von den Eltern.